Die Webradio-Landschaft zerfällt in drei Gruppen mit sehr unterschiedlicher Logik: die digitalen Ableger etablierter Sender, die Spartenkanäle großer Anbieter und die unabhängigen Stationen. Wer sie unterscheidet, versteht die Hörerzahlen besser.
Gruppe eins: die Ableger etablierter Sender
Fast jeder terrestrische Sender streamt sein Programm zusätzlich im Netz, oft ergänzt um Spartenkanäle, die dieselbe Marke tragen. Diese Streams führen die Nutzungsstatistiken an, weil sie von einer bekannten Marke, von Trailern im Hauptprogramm und von der Voreinstellung in Apps und Geräten profitieren. Inhaltlich sind sie meist eine Verlängerung des bestehenden Formats.
Gruppe zwei: die Spartenkanäle der Netzwerke
Große Anbieter betreiben Dutzende bis Hunderte thematischer Kanäle unter einem Dach: nach Jahrzehnt, nach Stimmung, nach Genre. Das Prinzip funktioniert, weil es die Auswahl vereinfacht und trotzdem Spezialisierung bietet. Der Preis ist Austauschbarkeit: Kuratierung findet in erster Linie über Datenbankabfragen statt, Moderation ist selten.
Gruppe drei: die unabhängigen Stationen
Hier sitzt die eigentliche Vielfalt des Mediums: Sender mit einer Handvoll Betreibern, klarem Profil und Publikum in überschaubarer, aber loyaler Größe. Ihre Hörerzahlen erreichen die der ersten Gruppe nie, dafür sind Hördauer und Bindung deutlich höher. Für Werbepartner ist das gelegentlich attraktiver als reine Reichweite, siehe Webradio monetarisieren.
Was die Formate gemeinsam haben
Über alle Gruppen hinweg dominieren wenige Programmtypen die Nutzung:
- Musikfarben mit hoher Wiedererkennung für die Nebenbei-Nutzung bei Arbeit und Haushalt.
- Nachrichten- und Wortprogramme mit festen Sendezeiten.
- Genre-Spezialisten, die etwas bieten, das ein Empfehlungsalgorithmus nicht liefert: Kontext, Reihenfolge, Haltung.
- Regionale Programme, die für ausgewanderte oder umgezogene Hörer eine Verbindung nach Hause herstellen.
Warum Hörer bei linearen Programmen bleiben
Die naheliegende Erwartung war, dass Streamingdienste das lineare Radio überflüssig machen. Eingetreten ist das nicht. Der Grund ist die Entlastung: Ein Programm, das jemand anderes zusammenstellt, verlangt keine Entscheidung. Dazu kommt der Faktor Entdeckung. Wer nur der eigenen Empfehlungsliste folgt, hört zunehmend Varianten dessen, was er ohnehin kennt. Ein kuratiertes Programm bricht diesen Kreis auf. Warum das gerade bei Nischenformaten funktioniert, zeigt Rock im Webradio; die Abgrenzung zum Podcast erklärt Webradio und Podcast.