Die Werkzeugkette eines Webradios besteht aus drei Gliedern: Playout, Encoder und Streaming-Server. Wer diese drei Rollen auseinanderhält, findet schnell heraus, welche Software zum eigenen Vorhaben passt.
Die drei Rollen in der Kette
Das Playout entscheidet, welcher Titel wann läuft, blendet über und ruft Jingles auf. Der Encoder wandelt das fertige Signal in ein Streaming-Format und schickt es weg. Der Streaming-Server nimmt es entgegen und verteilt es an alle Hörer. Manche Programme decken zwei Rollen ab, manche Hoster liefern Server und Playout als Paket. Verwechselt werden die Rollen trotzdem regelmäßig, was Fehlersuche unnötig schwer macht.
Streaming-Server
- Icecast. Freie Software, seit Jahren der Standard für unabhängige Sender. Unterstützt mehrere Mountpoints, also parallele Streams in verschiedenen Bitraten, und liefert Metadaten sauber aus.
- Shoutcast. Der historische Klassiker, immer noch verbreitet und von vielen Verzeichnissen gut unterstützt.
- AzuraCast. Eine Oberfläche, die Icecast, Playout, Statistiken und Nutzerverwaltung zusammenfasst und sich auf einem eigenen Server installieren lässt. Für Teams ohne Lust auf Konfigurationsdateien die pragmatischste Lösung.
Playout und Automation
- Liquidsoap. Skriptbare Ausspielung, extrem flexibel: Rotationsregeln, Zeitfenster, Fallbacks bei Streamabbruch. Die Einstiegshürde ist die Skriptsprache, dafür läuft es stabil und ressourcenschonend.
- RadioDJ, mAirList, SAM Broadcaster, StationPlaylist. Klassische Windows-Playouts mit grafischer Oberfläche, Rotationsverwaltung und Werbeblockplanung. Der schnellste Weg für alle, die eine Uhr und eine Titelrotation klicken statt schreiben wollen.
- Mixxx. Eigentlich DJ-Software, kann aber direkt an einen Icecast-Server senden. Sinnvoll für Sendungen, die live gemischt werden.
Encoder für Livesendungen
Wer aus einem improvisierten Studio sendet, braucht einen schlanken Encoder. BUTT (Broadcast Using This Tool) ist die verbreitete freie Lösung und läuft auf Windows, macOS und Linux. Sie nimmt das Signal einer Soundkarte entgegen und schickt es an Icecast oder Shoutcast. Für Sendungen mit mehreren Quellen, Videobild oder Einspielern lässt sich auch OBS nutzen, wenngleich es für reines Audio überdimensioniert ist.
Formate und Bitraten
MP3 ist der kompatibelste Nenner und läuft in jeder App und jedem Autoradio mit Internetanbindung. AAC beziehungsweise HE-AAC klingt bei niedrigen Bitraten hörbar besser, wird aber nicht überall unterstützt. Viele Sender lösen das mit zwei Mountpoints: MP3 mit höherer Bitrate für Desktop und WLAN, AAC mit niedriger Bitrate für Mobilfunk. Welche Bitrate wofür sinnvoll ist, steht in Audioqualität im Webradio.
Was oft vergessen wird
- Fallback-Quelle. Bricht das Playout weg, sollte der Server auf eine Dauerschleife umschalten statt auf Stille. Icecast und Liquidsoap können das.
- Metadaten. Titel und Interpret müssen im Stream mitlaufen, sonst zeigen Apps nur den Sendernamen. Für die Meldung an die Verwertungsgesellschaften sind ohnehin vollständige Sendeprotokolle nötig, siehe GEMA und GVL.
- Statistik. Ohne Auswertung der gleichzeitigen Hörer lässt sich weder die Bandbreite planen noch mit Werbepartnern verhandeln.
- Backup. Musikbestand, Jingles und Playout-Datenbank gehören gesichert. Ein neu aufgebauter Katalog kostet mehr Zeit als jede Serverwiederherstellung.
Welche Kombination für wen
Für den Einstieg genügt eine gehostete Lösung mit integriertem Playout: nichts zu administrieren, alles in einer Oberfläche. Wer wächst, wechselt auf einen eigenen Server mit Icecast und AzuraCast oder Liquidsoap und behält Kosten und Kontrolle. Die Reihenfolge der Entscheidungen steht in Webradio starten: Anleitung in sieben Schritten.