Webradio ist älter als die meisten Streamingdienste. Seine Geschichte erklärt, warum das Medium bis heute anders funktioniert als eine Musikbibliothek auf Abruf, und warum kleine Sender überlebt haben.
Die neunziger Jahre: Übertragung als Kunststück
Die ersten Livestreams über das Internet entstanden Mitte der neunziger Jahre, als das Kunststück nicht in der Programmgestaltung lag, sondern darin, überhaupt einen unterbrechungsfreien Ton zu übertragen. Modemverbindungen erlaubten Bitraten, bei denen Musik allenfalls erahnbar war. Trotzdem war die Bedeutung sofort klar: Zum ersten Mal war die Reichweite eines Senders nicht mehr an einen Sendemast gebunden.
Die frühen 2000er: Werkzeuge für alle
Mit besseren Codecs, DSL-Anschlüssen und frei verfügbarer Serversoftware wurde Senden zur Frage des Willens, nicht des Kapitals. Shoutcast und später Icecast machten aus einem gewöhnlichen Rechner einen Sender. In dieser Zeit entstand die Struktur, die das Medium bis heute prägt: Hunderte kleiner Stationen mit klarem Profil neben den digitalen Ablegern der großen Häuser.
Ab 2010: Mobil, im Auto, im Wohnzimmer
Smartphones, Radioverzeichnisse als Apps und internetfähige Autoradios lösten das Webradio von der Bindung an den Schreibtisch. Später kamen Smart Speaker dazu, über die ein Sender per Zuruf läuft. Damit erreichte Webradio genau die Situationen, in denen Radio immer stark war: nebenbei, über längere Zeit, ohne Bedienung.
Was SamCro Webradio war
Unter dieser Adresse lief ab Anfang der 2010er Jahre ein deutschsprachiges Rockradio: ein Livestream, eine wöchentliche Empfehlung des Hauses, eine Titelliste der meistgespielten Stücke und eine Hörergemeinschaft, die im Chat mitlief. Es war ein typischer Vertreter jener Generation von Sendern, die aus Begeisterung entstanden und deren Programm sich nicht an einer Zielgruppendefinition orientierte, sondern am Geschmack der Leute, die es machten.
Der Sendebetrieb wurde eingestellt, die Adresse blieb. Was hier heute steht, ist kein Livestream mehr, sondern ein redaktionelles Angebot zum Thema: wie Webradio funktioniert, was rechtlich gilt und wie ein eigener Sender entsteht. Der Rockbezug der Anfangszeit ist als Perspektive geblieben, siehe Rock im Webradio.
Warum das Medium überlebt hat
Die Prognose, Streamingdienste würden lineares Radio ablösen, hat sich nicht erfüllt. Drei Gründe sind erkennbar: Erstens die Entlastung von der Auswahlentscheidung. Zweitens die Nebenbei-Nutzung, für die eine kuratierte Abfolge besser taugt als eine Bibliothek. Drittens die Entdeckung von Musik jenseits der eigenen Hörhistorie. Was daraus für die kommenden Jahre folgt, behandelt Trends im Webradio.